Zeugnis ist kein Urteil über den Menschen
von Landkreis Harburg am 23.01.2026Zeugnistag: Während sich einige Kinder und Jugendliche über Belohnungen für gute Noten freuen, ist das für andere ein Grund für Ängste, Sorgen und Enttäuschung. Wenn die Noten schlechter ausfallen als erhofft, die Eltern andere Ergebnisse erwartet haben, haben viele Kinder und Jugendliche Angst, Bauchschmerzen und trauen sich kaum, ihren Eltern das Zeugnis zu zeigen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Harburg kennen das nur zu gut. Eltern und Kinder sollten Zeugnisse aber nicht überbewerten, rät Marco Flöß, Leiter der Erziehungsberatungsstelle, unabhängig von den aktuellen Noten zu ein wenig Gelassenheit. „Das Zeugnis ist eine Bilanz für den Moment, kein Urteil über den Menschen. Noten zeigen Leistung in einem Zeitraum – sie sagen nichts über den Wert eines Menschen oder schreiben seine zukünftige Entwicklung damit fest“, betont der Diplom-Psychologe angesichts der bevorstehenden Halbjahreszeugnisse.
Die Erziehungsberatungsstelle verzeichnet regelmäßig rund um den Zeugnistag vermehrt neue Anmeldungen von besorgten Eltern, wenn ihre Kinder schlechte Noten mit nach Hause bringen. „Die Sorgen der Eltern sind sehr naheliegend und nachvollziehbar“, weiß Flöß. Aber: Die Gründe für Schulschwierigkeiten sind vielfältig. „Leistung und gute Noten werden vor allem als individuelle Befähigung angesehen, Misserfolg wird dagegen als persönliches Scheitern verstanden.“ Dabei gebe es viele Gründe, warum Kinder in der Schule Schwierigkeiten haben. „Die Noten sind oft ein Symptom für andere Probleme.“ So könnten beispielsweise Lehrkraftwechsel, Mobbing, Krankheit oder andere Sorgen und Konflikte zu Leistungsabfällen oder schlechten Noten führen. Das werde oft vergessen.
Wenn Leistung nur als individueller Erfolg gedeutet wird, kann es bei Kindern dann zu Selbstzweifeln kommen wie „Es liegt (nur) an mir, dass ich schlecht bin in der Schule.“ oder „Ich bin wohl zu dumm, deswegen bin ich schlecht in Mathe.“ Doch diese Sicht greife viel zu kurz. „Dass andere Faktoren für Leistungsfähigkeit, Erfolg und Bereitschaft sehr relevant und einflussreich sind, wird bisweilen ausgeblendet oder kleingeredet“, sagt Marco Flöß. Und auch Eltern seien gefordert, die Kinder nicht zu überfordern, sondern eigene Leistungserwartungen und -ansprüche zu reflektieren und an die Fähigkeiten und die individuelle Entwicklungssituation ihrer Kinder sowie die Lernbedingungen in der Schule anzupassen.
„Unsere beraterisch oder therapeutisch sehr gut ausgebildeten sozialpädagogischen und psychologischen Fachkräfte können Eltern und Kinder dabei unterstützen, die individuellen Schulschwierigkeiten zu sortieren, deren Ursachen zu verstehen sowie mittel- und langfristige Lösungen und Verbesserungen zu entwickeln und umzusetzen“, so das Angebot der Erziehungsberatungsstelle.
Und was sollten Eltern machen, wenn die Kinder ein schlechtes Zeugnis nach Hause bringen? „Ich rate den Eltern vor allem, sich Zeit zu nehmen, Interesse zu zeigen und Ruhe zu vermitteln“, sagt Marco Flöß. „Dazu gehört auch, das Zeugnis zu würdigen und nicht nur Schwächen anzusprechen, sondern auch Stärken zu loben.“ Dann sei ein Gespräch über die Noten und die Schule möglich. Zum bevorstehenden Zeugnistag hat der Diplom-Psychologe folgende „Erste-Hilfe-Tipps“:
· Darauf schauen, was konkret besser und schlechter geworden ist, nicht nur auf einzelne Noten achten.
· Arbeits- und Lernverhalten mitlesen: Bemerkungen zu Mitarbeit, Konzentration, Hausaufgaben, Verhalten, Fehlzeiten geben wichtige Hinweise und erweitern die Perspektive.
· Faktoren einbeziehen, die Auswirkungen auf Noten und Zeugnis haben – wie Schlaf, Bildschirmzeit, Konflikte, Schulwechsel, Lehrkraftwechsel, Stress, Mobbing, Krankheit.
· Kinder einbeziehen, mit ihnen zusammen das Zeugnis durchsprechen, um ihre Sicht auf das Zeugnis zu verstehen: Was ist dir leicht und was schwer gefallen? Was hat dir geholfen? Was würdest du nächstes Halbjahr anders machen?
· Auf die Gefühle des Kindes eingehen und Verständnis für Gefühle wie Enttäuschung, Scham oder Ärger zeigen.
· In einem weiteren Schritt können gemeinsam konkrete Ziele und Verbesserungsvorschläge formuliert und diese auf kleine realistische, erreichbare Zwischenziele aufgeteilt werden. Für mehr Verbindlichkeit kann es hilfreich sein, die Vereinbarungen schriftlich festzuhalten.
Foto ©Landkreis Harburg / Bildunterschrift:
Marco Flöß, Leiter der Erziehungsberatungsstelle, warnt davor, die Zeugnisnoten überzubewerten.
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