Winsen, am Montag den 14.09.2026

Lüneburger Bündnistage, Bündnisfrage

von Carlo Eggeling am 14.09.2026


Ein politischer Blick

Wer fängt Kalisch oder Meyer ein?



Es muss eine gewisse Selbsterkenntnis in der Aussage stecken, wenn Andrea Schröder-Ehlers sagt: Es war eine Personenwahl. Ihr Ergebnis bei der OB-Wahl lag bei 13 Prozent, fünf Punkte unter dem der Kandidatin vor fünf Jahren. Die SPD hat sich ebenso verschlechtert wie die CDU. Deren Kandidatin erreichte damals gut 18 Prozent, Patrick Pietruck kam jetzt auf gut die Hälfte. Die Rote und der Schwarze haben sich reingehängt, haben Hunderte Türen abgeklappert, Wahlstände abgehalten, Promis zu Besuch gehabt. Unisono sagen sie, im direkten Gespräch hätten sie reichlich Zuspruch erlebt und mit guten Ergebnissen gerechnet. Das Ergebnis ist bekannt: zweimal katastrophal. Die Erklärung war auf den Wahl-Trauerfeiern von den Mitgliedern zu hören, die eigentliche Katastrophe habe ihren Ursprung in der Berliner Politik.



Bleibt man bei der Personenwahl als Erklärung, folgt daraus, die Oberbürgermeisterin, die irgendwie grün ist, aber doch nicht richtig für ihre Partei antreten wollte, weil die Partei inzwischen igitt igitt ist, und ihr angeblich parteiloser Kontrahent, der auf dem Wahlzettel bei der Vereinigung der Unabhängigen steht, bleiben übrig: Wie vor fünf Jahren -- ich muss sagen, wie erwartet -- stehen sich Claudia Kalisch und Heiko Meyer gegenüber. Kalisch hat im Vergleich um zweieinhalb Prozentpunkte auf gut 36 Prozent zugelegt, Meyer um fünfeinhalb auf mehr als 28 Prozentpunkte.


Aus Sicht der Nichtgewinner stellt sich die Frage, wie sie sich im Rat ins Spiel bringen, denn beide Kandidaten brauchen Unterstützung. Wer versammelt sich hinter wem? SPD und Linke könnten sich bei einem Kauf der Vonovia-Wohnungen verbünden. Sie müssen ein marktwirtschaftliches Modell finden, ähnlich wie an der Wilhelm-Leuschner-Straße mit Eckpfeiler, um CDU und FDP auf ihre Seite zu ziehen. Zu machen wäre das über eine Gesellschaft mit kommunaler Beteiligung.



Beim Innenstadt-Konzept Kommunaler Ordnungsdienst, Streetwork und Anlaufstelle für die Szene an der Schießgrabenstraße ist bis auf die Verwaltung und die Grünen, die nicht gegen Sozialdezernentin und Oberbürgermeisterin auftreten (wollen), kaum einer zufrieden. Die Sozialdezernentin, die anfangs mit einem eigenen Auftritt begann, hat den Auftrag an den Landkreis abgegeben.



Der Lebensraum Diakonie, der Linken-Chef Thorben Peters arbeitet dort, hat das Haus gerade als ungeeignet eingestuft. Die SPD sieht es nicht anders, und aus der CDU kommt alles andere als Anerkennung. Obendrein lässt die Stadt das Streetworkangebot mit dem Diakonieverband auslaufen, um es selbst zu übernehmen. Am Gelingen bestehen Zweifel. "Konzeptlos" ist die eher freundliche Variante, die aus verschiedenen Lagern zu hören ist.


Wirtschaftspolitik. Gewerkschafter, Linke und Sozis reagieren immer noch stinksauer, dass die Oberbürgermeisterin sich aus ihrer Sicht auf die Seite des Jungheinrich-Managements geschlagen und behauptet hat, sie habe 140 Jobs gerettet. Am 1. Mai hieß es von offener Bühne, Claudia Kalisch sei der Belegschaft in den Rücken gefallen. Die 140 Jobs in der Konstruktion sollten von Anfang an bleiben, von denen sollen künftig noch einmal welche verlagert werden, heißt es von Gewerkschaftern. Die Linke muss Grün nicht unbedingt als Partner sehen. In allen Lagern fragt man sich überdies, was der extra eingestellte Wirtschaftslotse bislang bewirkt hat.


Die fahrradselige Mobilität, die den Bus und im Flächenlandkreis das Auto wenig mitdenkt, Wirtschaftsansiedlung, Innenstadtmanagement plus die auf der Stelle tretende Lüneburg Marketinggesellschaft und die Haltung zur A39 sind weitere Stichworte, die die Politik beschäftigen.


Dazu kommt ein Rat, in dem die AfD mit nun vier Vertretern sitzt, die sicher lauter werden als bisher, und eine erstarkte Linke, die unter Peters bestimmt mehr Konturen zeigen will. Die Verhältnisse werden also nicht einfacher. Die Oberbürgermeisterin hat breit beklagt, dass ihr der Rat, vor allem SPD und CDU, einiges verhagelt hat, sie wird möglichen Bündnispartnern erklären müssen, wie sie künftig integrativ agieren möchte. Das muss Meyer auch, der besitzt etwas Kumpelhaftes und kann vermeintlich mit allen. Kann er das? Können die mit ihm?



Die Grünen haben Mandate verloren, bislang konnten sie vieles im kleinen Rat, dem Verwaltungsausschuss, lenken. Das Erste, was ein neuer Rat machen dürfte, ist nahezu zwingend: die Geschäftsordnung ändern, um mehr Einfluss zu gewinnen. Bleibt die Frage, mit wem man mehr erreicht. Meyer besitzt keine Hausmacht, er muss auf Sachverstand aus der Politik zurückgreifen können. Da stehen im Hintergrund sicher "Helfer" parat -- um ihre Vorstellungen ins Rathaus zu tragen.



Nahe liegt, auch wenn es in der Obliegenheit des Verwaltungschefs liegt, auf die Struktur in der Verwaltung zu blicken; personelle Veränderungen wären die Konsequenz. Namen kursieren schon länger.



Die Grünen und ihre Eventuell-OBin müssen sich sicher bewegen, um andere Lager für sich zu begeistern. Das würde bedeuten, der ökologisch-moralischen Mischung aus ADFC, VCD, Radentscheid sowie Nabu und BUND einige Zumutungen zuzumuten -- und nicht stets beleidigt auf Partner zu zeigen, wenn es klimatisch heikel wird.



Im Rat, so ist es zu erwarten, stellen sich Fraktionen durch neue Mitglieder anders auf, an ihren Spitzen dürften oder müssten energische Figuren stehen, die einen Konflikt in der Sache als Politik verstehen, um so Einigkeit und Kompromisse zu erzielen.


Was allen gut tun würde: ein anderes Verständnis von Bürgernähe. Statt majestätischer Audienzen, Bürgerräten, die mangels Geld nix bewirken können, und Stadtkonferenzen mit dem Ergebnis, gut, dass wir mal drüber gesprochen haben, bieten sich zum Beispiel monatlich wechselnde Stadtteilrunden an, zu denen jeder kommen kann. Dazu Informationsveranstaltungen, wenn es um Fahrradringe, Polleranlagen und Umgestaltungen geht.


Bleibt abzuwarten, ob Parteien Empfehlungen geben für Kalisch oder Meyer. Dass hinter den Kulissen Gespräche laufen, wer mit wem, ist ein offenes Geheimnis. Vielleicht steht am Ende eine Vision, die Stadt als das sieht, was sie vereint und was ineinandergreifen müsste: Arbeiten, Wohnen, Kultur, Essen und Trinken, Wohnzimmer und für alle erreichbar -- in einer älter werdenden Gesellschaft, natürlich mit denen, die nicht mehr so sattelfest sind. Dazu eine Verwaltung, die digitaler auftritt und so Mitarbeiter entlastet -- für Bürgernähe.


An einem mitreißenden Entwurf mangelt es dem gesamten Wahlkampf. Das erklärt auch die Erfolge derer, die eigentlich nichts zu bieten haben. Das bislang Beste an dieser Wahl war die Beteiligung, mit gut 67 Prozent elf Punkte mehr als vor fünf Jahren. Es lohnt sich, am 27. September wieder sein Kreuz zu machen. Klingt nach Pathos, aber es ist so: Lüneburg verdient es. Carlo Eggeling




© Fotos: ca


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